Matthias Flügge

Anja Billing malt Bilder, auf denen etwas zu sehen ist oder etwas geschieht. Daran arbeiten zur Zeit wieder viele Maler und man sagt, das habe damit zu tun, dass die Bildwelten der Medien, die uns in ihrer bedrückenden Eindeutigkeit umgeben, gleichsam nach einer Befreiung im Künstlerischen drängen.
Deshalb hätten die Maler über die Form- und Farbstrukturen des Digitalen wieder Verbindung zum Mythos und zu den erfundenen Realitäten aufgenommen, die hinter ihm stehen.
Doch die Malerei, in diesem Blickwinkel betrachtet, wäre ein ärmliches Surrogat. Und manchmal ist sie das auch, zuweilen auch sehr erfolgreich. Immerhin braucht der Markt gegenständlich handelbare Werke, Ideen allein machen nicht satt. Solche Engführungen des Denkens über Bilder zeugen allerdings vom Vergessen anthropologischer Konstanten.
Daß die Malerei wieder als eine autonome künstlerische Ausdrucksform gesehen wird, hängt wohl eher damit zusammen, daß die Menschen seit jeher Bilder sehen wollen, die sie mit sich selbst und ihrer Geschichte in einen Zusammenhang setzen können und daß die Kunst, die lange Zeit zur sozialen Praxis verallgemeinert wurde, wieder in hohem Maße als individuelles Phänomen wahrgenommen wird. Atavismen des Bildnerischen drängen herauf und mit ihnen lange verloren geglaubte Genie- und Kultbilder der Vormoderne.
Anja Billing weiß das alles genau, sie zitiert die Vorstellungsbilder der piktorialen Wende und lotet sie in Variationen aus. Sie steht im Zentrum der Wiederkehr des Malerischen, die von ihrer Generation vorangebracht wurde.
Aber das Besondere ist, daß sie diese Zeit- und Kunstsituation zu ihrem eigenen Thema gemacht hat: die Erinnerung, ihr zyklisches Verschwinden und Erscheinen, die Nähe und die Ferne von Zeit und Leben. Sie malt Bilder aus der Distanz, Bilder in Bildern, Bilder von Bildern, die wir unauslöschlich in uns bewahren, höchst subtile Archaismen, Häuser, Hütten, Höhlen, in sich versunkene Figuren, Feuer, Tänze, Prozessionen, Landschaften, Gewächse, Meere und Himmel. Sie überbrücken die Zeit, kommen von weither und sind ganz gegenwärtig. Mya - million years ago - die Maßeinheit der Erdzeitalter, ist in ihrer Unermesslichkeit eine relative Größe. Das bricht die offenbare Ironie des Ausstellungstitels. Denn dieses Maß bestimmt sich an der Gegenwart, ist eine Zeitmessung, die nichts Absolutes hat, sondern von heute aus gültig ist, von jedem Heute - auch wenn der einzelne Tag in den Äonen scheinbar nicht zählt. Doch die Bilder sprechen eine andere Sprache, sie sind da, sie sind im Jetzt. Die ersten Häuser können die letzten sein, die Landschaften zeigen aus der Zeit gefallene Zonen, die Philosophen sind Homunkuli des Wissens in fremder Natur. Sie haben die Welt verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu bewohnen.
Anja Billings Bilder gewinnen ihre Kraft aus ihrer koloristischen Unbedingtheit. Sie malt in den Spätzeitfarben symbolistischer Ästhetik die säkulare Endlichkeit. Und das mit äußerster Finesse. Zuweilen alchimistisch aufeinander reagierend, organisch verschlungen, zeichenhaft, komplementär kontrastiert, dann wieder auf großen, vibrierenden Flächen das Motiv zum Vorschein bringend in fast schon ornamentaler Struktur. Zuletzt ist die Erzählung dieser Bilder allein ein Werk der Farben. Ganz und gar Malerei, in der das Auge den Gedanken zeugt.