Gefilde des Dahinterliegenden

Christoph Tannert

Anja Billings Bilder als "kulturelle Archive" zu bezeichen, wäre übertrieben, nichtsdestotrotz sind sie mit den aktuellen Diskursen über zeitgenössische Ästhetik und Stil so verschaltet, daß man ihnen ihr Speicherpotential ansieht. Nicht im Sinne von Narration, aber doch zu identifizieren als Gehäuse für die andauernden Auseinandersetzungen über den Selbstzweck von Farbe und Form in der Mediengesellschaft.
Diese Bildgehäuse verorten sich im Streit um die Bilder nach dem angeblich letzten Bild wie Steine des Anstoßes einer mémoire involontaire, als vielfältig aussagende Impulsgeber. Die übliche Entgegensetzung - "Moderne gegen Realismus" (oder schlimmer noch Abstraktion gegen Konkretion) - verfehlt, so man die Werke von Anja Billing zu Rate zieht, den springenden Punkt.
Es geht nicht länger darum, Realismus im Bild als fiktionales Klein-Universum zu erzeugen, genausowenig um farbquietschende Benutzeroberflächen ohne Tiefgang. Die Übermacht einer Ästhetik als Gestaltung von Informationen für die Informationsgesellschaft rückt in allen Bereichen immer mehr in den Vordergrund. Deshalb zerfällt die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Kunst und Wirklichkeit, wie sie im industriellen Zeitalter noch geherrscht hatte. Die Stellung der Kunst als aufmerksamkeitsheischende Produzentin von Wahrnehmungsangeboten ist nachträglich erschüttert.

Anja Billing arbeitet in Kenntnis dieses objektiven Konkurrenzkampfes zur mediatisierten Umgebung. Gerade deshalb gelingen ihr Bilder, die wie aus Zeit, Flucht und den Unterbrechungen der Wahrnehmungsgeschwindigkeit gefilterte, höchst subjektive Orientierungssysteme aussehen. Diese Bilder wirken nicht über das Faktum der Aufmerkamkeitserregung und führen auch nicht zu Pupillenerweiterungen, weil sie den zweiten Blick zu gewinnen suchen und die sensorische Wirkung. Ein Bild wie "Fluently" (2001) in seiner hellen, pastelltonigen Farbigkeit und jenem seltsam aufwärtsdrehenden Geschling deutlich sichtbarer Pinselspuren, aus rotierendem Handgelenk heraus verlebendigt, überwältigt freilich auch und bindet damit Aufmerksamkeit, nur eben im Bereich der von Edmund Burke 1757 in seiner "Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful" eingeführten Kategorie des Erhabenen. Auch, weil die Künstlerin sich in der Alchimie ständig wechselnder Farbstufen auskennt, jenem häufig frühlingshaften Schlingpflanzenklang, unterfüttert von Stabilisierungsflächen, die die Verknäulungen linearer Strukturen erst so richtig zur Wirkung bringen. Der Betrachter erkennt, daß Fokussierungsmittel mit dem Paradigma der Linse als vorgeschaltetem Auge, also Fotografisches und Filmisches, die Eröffnung dschungelartiger Räume bedingen sowie häufig deren Hinübergleiten in ausgedehnte, aber nie langatmige Unschärferelationen. In allerfeinster Abstufung der Dynamik ("Before rotation", 2002) finden Horizontverschiebungen statt, Vakuolen-Verkettungen, der Übergang von Formen mit relativer Stabilität in die bewegte Erscheinung ihrer selbst. Anja Billing hebt von Bild zu Bild neu an von einer tabula rasa der Wahrnehmung, die nur im ersten Augenblick verankert ist, durchzubrechen in die Gefilde des Dahinterliegenden. Diese Bilder (etwa "Echolinie 1" und "Echolinie 2") werden durch etwas lichtbeschienen Vorhangartiges charakterisiert. Anja Billings Praxiserfahrung mit Malerei auf großformatigem Transparentpapier hat dazu beigetragen, jenes hohe Maß an Luzidität zu halten, das auch ihre neuen Arbeiten etwas Transitorisches und Geheimnisvolles verleiht.